Geschichtliches

"S'alt Chämmifägerhuus"

Wann genau unser Haus erbaut wurde ist nirgends dokumentiert. Aber das Haus ist Zeitzeuge vieler kleiner und grosser Geschichten. Und könnte es reden, hätte es eine Menge zu erzählen.

Einheimische nennen es "s'alt Chämmifägerhuus", weil das Haus von einer Kaminfegermeisterfamilie erbaut und bewohnt wurde.

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"S'Schloss un s'Stettli"

Anfangs letzten Jahrhunderts wohnte der 1. Schlossverwalter des Schloss' Werdenberg (nicht verwandt mit der Besitzerfamilie die ebenfalls Hilty hiess) in unserem Haus. Zum Schloss gehört auch das Städtchen Werdenberg. Oder wie die Einheimischen sagen: "s'Stettli".

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"S'Sandbüehlersch"

Später bot das Haus einer jungen Mutter und deren Kindern Schutz und Zuflucht, wenn sie vom Berg Richtung Dorf unterwegs waren und die Frau vor ihrem Mann fliehen musste. Oft versteckte sie ihren Kinderwagen hinter dem Haus und flüchtete mit ihren Kindern ins Innere des Hauses.

Die junge Frau die damals Schutz suchte war Maria Theresia Wilhelm aus dem gleichnahmigen Buch "Maria Theresia Wilhelm - spurlos verschwunden" von Stefan Keller.

Eine Geschichte wie sie zu Zeiten des 2. Weltkrieges vielerorts passiert ist. In der ganzen Schweiz wurden Erwachsene und Kinder in Heime, Anstalten und Psychiatrien gesteckt, weil sie nicht ins Dorfbild passten. Ganz zu schweigen von der damals betriebenen Zwangssterilisation im Zuge der "nationalistischen Rassenhygienik" der damals viele junge Schweizerfrauen zum Opfer fielen. Da genügte es, unverheiratet schwanger zu sein und von den Behörden als "nicht urteilungsfähig" abgestempelt zu werden. Die letzte öffentliche Zwangssterilisation wurde 1987 vorgenommen.

Nun zur Geschichte von Maria Theresia Wilhelm:

Die junge Vorarlbergerin Maria Theresia Wilhelm übernahm 1936 eine Stelle als Serviertochter Bergrestaurant Gemsli; Sevelerberg. Dort lernte sie den Wildhüter Ulrich Gantenbein (Sandbühler genannt) vom Studnerberg in Grabs kennen. Ihre gegenseitige Sympathie entfaltete sich bald zu einer innigen Liebe. Ulrich Gantenbein liess sich von seiner Frau scheiden und heiratete die Gastarbeiterin Maria Theresia Wilhelm. Die Ehe stand von Anbeginn unter einem schlechten Stern. Differenzen innerhalb der eigenen Familie wie auch mit den  Behörden, vereitelten dem jungen Paar den erwünschten Ehesegen. Das feurige Temperament des Sandbühlers und seine Eigenwilligkeit führten zu wiederholten Einweisungen in die Psychiatirsche Klinik, Arbeitsanstalt und ins Gefängnis.

Maria Theresia blieb oft alleine am Studnerberg zurück. Von ihren Nachbarn wurde sie nie akzeptiert oder gar in die Gemeinschaft integriert. Maria Theresia zerbrach wohl unter dem, durch die misslichen Lebensumstände geprägten Leidensdruck und wurde 1945 erstmals krank. Sie fiel der lokalen Behörde aufgrund ihres plötzlichen, unadäquaten Verhaltens auf. Maria Theresia tanzte mit offenen Haaren und sang; irgendwo auf einer Strasse. Frau Gantenbein wurde der Heil- und Pflegeanstalt St.Pirminsberg zugewiesen. Dort verblieb sie – mit einigen, kürzeren Unterbrüchen – während den folgenden 15 Jahren. Maria Theresia erlebte Elektroschock- und Schlafkuren und das gefürchtete "Deckelbad". Ihre Ehe mit Ulrich Gantenbein wurde 1948 geschieden und die elterliche Gewalt über ihre Kinder, wurde ihr entzogen. Die Kinder wurden getrennt und bei verschiedenen Pflegefamilien untergebracht.

Am 20. Juni 1960 verschwindet Maria Theresia spurlos. Mit der Absicht, sich ein Paar neue Schuhe zu kaufen, wanderte Maria Theresia von Grabs nach Buchs. Wohin ihr Weg führte, ist bis heute unbekannt.


Stefan Keller erzählt die Geschichte einer österreichischen Serviertochter, eines Schweizer Wildhüters und ihrer Kinder, die von Behörden und Psychiatern mit allen Mitteln dressiert oder dann zerstört werden sollten: ein Stück Psychiatriegeschichte und eine packende Erzählung von der Heimsuchung eigensinniger Bauern und Jäger durch die moderne Gesellschaft. Deckelbäder, Elektroschocks, eine Hirnoperation und Psychopharmaka gegen die unbändige Sehnsucht nach der Freiheit.

Cover - Maria Theresia Wilhelm - spurlos verschwunden (von Stefan Keller)

Das Buch "Maria Theresia
Wilhelm, spurlos verschwunden"

von Stefan Keller, diente unter anderem
als Vorlage für den Doku-Spielfilm.
Das Buch ist über die WOZ (Wochenzeitung)
erhältlich.